6. August - 16. August 2011: Cote d'Azur und Überfahrt zu den Balearen

Am Samstag, den 6. August sind wir endlich so weit, dass wir ins Mittelmeer aufbrechen können. Unser erster Zielhafen ist Marseille. Ursprünglich wollten wir in diesen Großstadt-Moloch nicht hinein fahren. Der Hafen von Marseille ist der größte Frankreichs, er zieht sich über mehrere Seemeilen an der Küste entlang. Somit müssen wir damit rechnen, vielen Tank-, Fracht-, Fähr-, Kreuzfahrt- und anderen Schiffen zu begegnen. Das ist keine reizvolle Vorstellung. In Marseille gibt es jedoch in der Nähe des Sportboothafens einen Bootsausrüster, der einen dringend benötigten Ausrüstungsgegenstand für unser Boot auf Lager hat, den passenden Kicker für unseren Großbaum.

 

Im zwei Meilen langen Kanal, der von Port St. Louis aus in den Golfe de Fos führt, setzen wir erstmals das neue Großsegel. Der Segelmacher hat gute Arbeit geleistet; das Segel passt wunderbar und hat einen sehr guten Stand. Draußen im Golfe de Fos bekommen wir gleich kräftigen Wind auf die Nase und entsprechenden Seegang. Nur unter Segeln gegen Wind und Wellen voran zu kommen erweist sich als unmöglich, der Motor muss zur Unterstützung mitlaufen.

 

Susanne: „Anfangs finde ich die Wellen noch perfekt für die Eingewöhnung auf das was vor uns liegt. Aber wir haben uns einen denkbar ungünstigen Tag für diese Überfahrt ausgesucht. Wir haben Wind aus Südost und müssen genau gegenan. Pagena stampft durch die Wellen. Mir wird etwas flau und ich bin froh, als Joachim nach einer Pause wieder an Deck erscheint und ich mich hinlegen kann. In der Vorschiffkoje fahre ich liegend Achterbahn. Mit offenen Augen geht das nicht, also bleiben sie zu, bis Joachim Hilfe an Deck benötigt, und das ist glücklicherweise nicht der Fall."

 

Kurz vor Marseille hat der Wind etwas nachgelassen und auch die Wellen sind wieder angenehmer. Gegen Abend erreichen wir „Vieux Port", den riesigen alten Stadthafen mitten im Zentrum von Marseille. Wir sind froh, dass wir noch einen Liegeplatz bekommen. Mittlerweile hat der Bootsausrüster geschlossen.

 

Tags darauf fegt ein kräftiger Mistral von Norden her durch den Golfe de Lyon. Gut, dass wir im Hafen liegen. Der Mistral kann 3, 6 oder 9 Tage lang andauern, wir hoffen das Beste. Am Sonntagnachmittag gehen wir ins Besunce-Viertel wo Araber und Afrikaner Markt halten. Wir kaufen Brot, frische Petersilie, Koriander, Obst und tunesisches Süßgebäck. Anschließend suchen wir nach Überresten der historischen Altstadt von Marseille, die von den Nazis während ihrer Besatzung im 2. Weltkrieg zum großen Teil gesprengt wurde. Die zerstörten Häuser wurden in den 50er Jahren durch Wohnblocks ersetzt, deren Architektur ein wenig an das Bauhaus erinnert. Beim zweiten Hinsehen gar nicht übel, hier wohnt es sich sicher sehr schön. Einige enge Gassen mit mittelalterlichen Häusern finden wir auch noch.

 

Abends kochen wir an Bord einen Berg frisch geernteter Miesmuscheln aus Port St. Louis, die wir dort vor der Abfahrt auf dem Fischmarkt am Hafen gekauft haben. Mann sind die lecker! Mittlerweile hat der Mistral eine ordentliche Welle aufgebaut und es schaukelt auch im Hafen schon recht heftig. Am Steg hat ein junges Pärchen mit ihrem sehr kleinen und sehr alten Segelboot direkt hinter Pagena festgemacht. Das junge Paar kocht und isst auf dem Steg. Wahrscheinlich haben sie unter Deck nicht genug Platz oder es schaukelt zu sehr, sie sitzen den ganzen Abend draußen. Obwohl sie dabei nicht unglücklich aussehen, tun sie uns etwas Leid. Wie viel mehr Komfort wir doch haben. Wir überlegen, was wir ihnen Gutes tun können und bringen ihnen schließlich etwas Leckeres zu knabbern aus unserem Verwöhn-Schapp. Sie freuen sich riesig und revanchieren sich am nächsten Morgen mit einer Flasche Wein. Die sind ja wirklich spitze! Wir sind fast ein wenig beschämt.

 

Am Mittwoch ist der Mistral vorbei und wir können endlich auslaufen. Unsere netten Stegnachbarn haben Besuch von Freunden bekommen und machen sich kurz vor uns und nun zu acht auf dem winzigen Boot auf den Weg. Sie haben das gleiche Ziel wie wir, die Calanques rund um Cassis. Unterwegs treffen wir sie wieder und machen ein paar schöne Fotos von ihnen und ihrem Boot. Sie freuen sich sehr darüber, dass wir Ihnen diese per E-Mail zusenden wollen. So können wir uns unsererseits für den Wein bedanken.

 

Auf dem Weg zu den Calanques segeln wir an der Insel mit dem durch Alexandre Dumas´ Roman „Der Graf von Monte Christo" bekannt gewordenen Staatsgefängnis Chateau d'If vorbei. Das Segelglück währt zweieinhalb Stunden, dann wird der Wind so schwach, dass der Motor schon wieder mithelfen muss. Das Sprichwort, dass es im Mittelmeer immer zu viel, zu wenig oder Wind auf die Nase gibt, erweist sich als zutreffend. Dafür entschädigt uns die Aussicht auf Frankreichs höchste Steilklippen und ihren sich an manchen Stellen tief ins Land bohrenden Buchten, den „Calanques". Die bis zu 400 m hohen Klippen zählen zu den grandiosesten Naturwundern, welche die mit atemberaubenden Landschaften reichlich gesegnete Côte d'Azur zu bieten hat. Da wir ohnehin unter Motor fahren, kommen wir nah genug an die Küste heran, um den faszinierenden Gesteinsformationen, Höhlen und Spalten gebührend Aufmerksamkeit zu schenken.

 

Wir suchen uns eine nette Calanque zum Ankern und gehen zum ersten Mal im Meer schwimmen! Das Wasser ist eiskalt, ohne Neopren kann man es darin nur wenige Schwimmzüge lang aushalten. Merkwürdig, das muss am Mistral der vergangenen Tage liegen. In der Nacht erweist sich unser Liegeplatz als ziemlich rollig. Trotzdem finden wir diesen Platz schön und haben erstmals das Gefühl, Urlaub zu machen. Keine Geschäft, keine Arbeiten am Schiff, kein Internet - einfach nur wir auf dem Schiff vor Anker in einer Bucht, die wir uns mit einem einzigen anderen Segler teilen. Wunderbar!

 

Am nächsten Tag wollen wir nur einen sehr kurzen Törn bis Cassis machen, einem ehemaligen Fischernest, das heute im Sommer täglich bis zu 35.000 Besucher anzieht. Die Zahl in Zusammenhang gesetzt mit den nur 20 Gastliegeplätzen in dem Naturhafen von Cassis hätte uns stutzig machen sollen. Der Hafen ist klein und eng und vom Steg, an dem wir festgemacht haben, um uns von dort aus bei der Capitainerie zu melden, werden wir von selbiger gleich wieder vertrieben. Wir schießen drei Bilder von der Hafenpromenade und fahren wieder raus, als eine kleine Lücke im ständig ein- und ausfahrenden Schiffsverkehrt dies erlaubt - Wahnsinn! Dann eben ab um die nächste Landzunge herum nach La Ciotat. Dass das Städtchen „erfrischend normal sei und die Gesichter wohltuend lokal" hatten wir gelesen. Wir können das bestätigen und würden jederzeit wieder nach La Ciotat fahren. Noch dazu ist der Liegeplatz im Vieux Port malerisch gelegen, geschützt und noch dazu richtig günstig. Die nächsten Tage und Nächte verbringen wir in den weiten Buchten von La Ciotat und Sanary sur Mer / Le Brusc. Insbesondere der Liegeplatz vor der Île des Embiez ist ein traumhaftes Fleckchen. Beinahe rundum sind wir am Horizont von Bergen umgeben, das Wasser ist klar und direkt vor unserer Nase liegt ein Pinienwald mit kleinen Sandstränden, an denen Familien baden und Picknick machen. Hier wird ein Sport betrieben, den wir noch nie zuvor gesehen haben: die Leute paddeln, aufrecht auf Surfbrettern stehend, in Gruppen durch die Bucht. Es sieht klasse aus, wie sie sich fast lautlos fortbewegen, zwischen den ankernden Booten hindurch fahren und hinter irgendeiner Ecke verschwinden. Einziges kleines Manko dieser Bucht: Auch hier wummern die Boxen einer Discothek über das Meer bis raus zu uns. Frankreich hat Ferien, halb Europa ist zu Gast und in jeder Stadt werden die Nächte durchgefeiert – am liebsten irgendwo am Wasser, also immer da, wo auch wir sind.

 

Den bekannteren Abschnitt der Côte d'Azur mit Toulon, Hyères, St. Tropez, Cannes und Nizza würden wir erreichen, wenn wir von hier aus um das Cap Sicié herum weiter nach Osten fahren. Im Hochsommer ist dieser Küstenabschnitt aber total überlaufen und die Liegeplätze in den Häfen kosten Höchstpreise. Als die Wettervorhersage passende Winde für die Überfahrt nach Menorca prognostiziert, verwerfen wir unsere Pläne, noch ein paar Tage an der Cote d'Azur zu verbringen und brechen auf Richtung Balearen.

 

Joachim: „Wir erwischen ein hervorragendes Wetterfenster für unsere erste längere Fahrt auf dem offenen Meer. Vor uns liegen etwa 200 Seemeilen Wasser ohne Landkontakt und wir freuen uns beide sehr auf diese Passage. In zwei Nächten und eineinhalb Tagen segeln wir mit leichten, meist achterlichen Winden bei ruhiger See quer durch den Golfe de Lion. Wir können den Gennacker und die Windfahnensteuerung ausprobieren und uns unter einfachen Bedingungen mit ihnen vertraut machen. Außerdem mache ich eine erste Positionsbestimmung mit dem Sextanten."

 

Nur selten begegnen uns auf der Passage Schiffe. Bei Nacht ist es spannend sich mit der Interpretation der gesichteten Lichter auseinander zu setzen, um herauszufinden um was für ein Fahrzeug es sich handelt und in welche Richtung es vermutlich fährt. Einen Schrecken bekommen wir, als wir uns vom französischen Festland entfernen: plötzlich ertönt ein lautes Signal unter Deck. Wir brauchen einen Moment bis wir realisieren, dass es von unserem Funkgerät kommt. Es ist unser erster DSC-Call. Die französische Küstenwache ruft uns an und erkundigt sich nach ein paar Schiffsdaten, dem letzten Hafen und unserem Ziel. Offenbar überwachen sie ihr Seegebiet sehr aufmerksam, was nach dem anfänglichen Schrecken ein gutes Gefühl hinterlässt. Tschüss Frankreich, wir sind auf dem Weg zu unserer ersten Inselgruppe, den Balearen. Unser Ziel ist die Nordküste von Menorca.

 

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